
In Beziehung kommen
Ein Gespräch über Shiatsu mit Claudia Schreiner-Brunnarius und Andrea Heistinger
Was ist Shiatsu?
„Jeder Körper hat Energiebahnen (‚Meridiane’). Im Alltag nehmen wir sie nicht wahr. Für uns sind sie unsichtbar. Auf diesen Energiebahnen liegen Akupunkturpunkte. Über Druck mit meinen Handballen, Ellbogen, Fingern, Füßen oder Knien und über gezielte Dehnungen erreiche ich, dass gestaute Energie (‚Ki’) wieder fließen kann. Das Ziel einer Shiatsu-Behandlung ist, dass die natürlichen Selbstheilungskräfte des Körpers stimuliert werden.“
Was genau meint „Ki“?
„Im Chinesischen heißt es ‚Chi’, im Japanischen ‚Ki’. In unseren westlichen Sprachen gibt es kein Wort dafür. Man könnte auch sagen, keine kollektive Wahrnehmung dafür. Meist übersetzen wir mit dem Wort ‚Lebensenergie’. Es ist jedoch viel mehr: Es ist der Energiefluss, der jeden einzelnen Lebensvorgang hervorbringt.“
Wie kann ich mir das vorstellen, dass Energie wieder ins Fließen kommt?
„Das ist der große Unterschied zwischen einer Massage und einer Shiatsu-Behandlung: Eine Massage ist physisch, es geht um Muskeln, Sehnen, Faszien, Durchblutung. Es wird mit beiden Händen gleichwertig gearbeitet. Bei einer Shiatsu-Behandlung bilden meine beiden Hände einen Plus-Pol (‚Yang’) und einen Minus-Pol (‚Yin’). Diese Vorstellung ist das Herzstück der jahrtausende alten fernöstlichen Betrachtung. Sie geht von der Vorstellung aus, dass es eine universelle Dynamik gibt, die aus dem ursprünglichen Chaos entstand, als Materie noch vermischt und undifferenzierbar war. Die Materie spaltete sich, in zwei entgegengesetzte Richtungen. In eine lichte leichte Energie, die aufsteigt, und in eine schwere dichte Energie, die absinkt. In dieses universelle System klinke ich mich ein, wenn ich eine Shiatsu-Behandlung gebe.
Shiatsu verbindet also Himmel und Erde?
„Ja, so kann man es sagen, so ist es.“
Das heißt, es ist immer irgendwie und irgendwo noch Energie, auch wenn ich mich gerade kraftlos fühle?
„Natürlich. Auch wenn sich jemand gerade kraftlos und leer fühlt, kann er oder sie über eine Shiatsu-Behandlung wieder ins Vertrauen und in die Freude kommen. Wieder in Beziehung zu sich selbst und seinen eigenen Kraftquellen zu kommen, das schafft man über den Körper besonders gut. Wieder in Beziehung kommen mit seinem Körper, heißt auch ihm (wieder) zu vertrauen.“
Die meisten von uns wissen doch eigentlich recht genau, was ihnen gut tut und was nicht?
„Genau. Aber das Wissen alleine reicht eben nicht. Wissen alleine führt noch nicht zu einer Änderung des Verhaltens. Wissen bleibt im Kopf. Über Shiatsu inkarniert das Wissen in den Körper und das führt dann zu einer wesentlichen Veränderung von Gewohnheiten, die einem nicht gut tun.“
Shiatsu kann mein Verhalten verändern?
„Da fängt die eigentliche Stärke von Shiatsu an. Ich beobachte, dass meine Klienten und Klientinnen nach einiger Zeit beginnen, anders zu essen, mehr zu schlafen, sich mehr zu bewegen, erstmals TCM ÄrzteInnen aufsuchen, oder ihre Träume wahrzunehmen oder zu fasten beginnen. Der Prozess des inneren und geistigen Wachstum beginnt.“






Welche Veränderungen nehmen deine Klientinnen unmittelbar nach einer Shiatsu-Behandlung wahr?
„Wenn ich die Leute nach einer Behandlung frage: ‚Wie geht es Ihnen jetzt?’, antworten sie häufig: ‚leichter.’ ‚Leichter’ ist ein Zeichen, dass sich Blockaden gelöst haben, Energie vermehrt ins Fließen gekommen ist und das durch ein Leichtigkeitsgefühl am ganzen Körper spürbar wird. ‚Leichter’ bedeutet für manche, dass Schmerzen aufgelöst sind, für manche, dass sie sich energiegeladener und frischer fühlen. Für manche kann es auch heißen, dass sie der Müdigkeit in sich Raum geben können und Müdigkeit zulassen können.“
Ist das nicht ein Widerspruch?
„Nein, weil durch eine Shiatsu-Behandlung kommt das raus, was der Körper gerade verlangt. Beim einem ist es mehr Dynamik, beim anderen Müdigkeit.“
Wieso macht der Körper das?
„Weil alles über den Ausgleich läuft. Die Selbstheilungskräfte kommen mehr in Gang, das Ungleichgewicht will sich ausgleichen. Die Selbstheilungskräfte gleichen das Ungewicht aus. Der Körper kann sich selber ausgleichen. Shiatsu hilft (nur) nach.
Hilft nach oder ermöglicht?
„Der Körper will sich ständig ausgleichen. Wenn er sich nicht mehr ausgleicht, ist er tot. Er will sich ständig über das Ausgleichen selbst heilen.“
Das Ausgleichen wovon?
„Das Ausgleichen von einem Zuviel und einem Zuwenig. Zu viel – zu wenig Schlaf, zu viel – zu wenig Aktivität, zu viel – zu wenig Essen, und so weiter...“
Kann es sein, dass der Körper das Ausgleichen irgendwann nicht mehr so gut schafft?
„Ja, das ist die Ursache von Krankheit. Wenn es zu weit auseinandergeht, wenn der Körper das Ausgleichen nicht mehr schafft, dann kommt die Krankheit. Sie ist ein äußeres Zeichen der inneren Überforderung.“
Wenn ich richtig verstehe, hilft dann Shiatsu dem Körper dabei gesund zu bleiben?
„Ja, es ist vor allem präventiv. Und was schön ist, es geht nicht nur um Gesundheit, sondern um eine Wohlgefühl, darum die eigene Intuition zu schärfen, zu merken, was mir gut und was mir nicht gut tut. Shiatsu fördert das Bei-sich-Bleiben oder Wieder-neu-mit-sich-in-Beziehung-kommen.“
Mit Shiatsu gesund bleiben?
„Ja, das ist das Ziel. Aber zu mir kommen auch Menschen, die krank sind, die zusätzlich zu ihrer ärztlichen Behandlung noch etwas Zweites suchen. Wenn der Körper es nicht mehr schafft, eine Balance herzustellen, kann Shiatsu ganzheitlich nachhelfen, die Krankheit gut zu reflektieren. Dann muss man über einen längeren Zeitraum und umso intensiver lernen, wieder in eine gesunde Ausgewogenheit zu kommen.“
Woher kommt Shiatsu?
„Die Wurzeln von Shiatsu liegen in der jahrtausende alten, fernöstlichen Medizin. Shiatsu entstand aus der chinesischen Heilkunde (TCM) zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Japan als eigenständiger therapeutischer Weg.“
Von wem hast Du Shiatsu gelernt?
„Ich hatte das Glück von Tomas Nelisson zu lernen. Er wiederum war Schüler von Shizuto Masunaga, einem Universitätsprofessor für Psychologie, der wesentlich dazu beigetragen hat, dass Shiatsu auch im Westen ankommen konnte.“
Gibt es einen wichtigen Grundsatz dieser Schule?
„Ja. Der Unterricht lief nicht über Bücher oder Skripten, sondern über den Körper. Wir sollten die energetischen Naturgesetze selbst erfahren, um sie zu erkennen, leben und praktizieren zu können: Über Ausflüge in die Natur, über unser Essen oder über die Geschichten, die Tomas Nelissen erzählt hat. Und: Üben, üben, üben.“
Wie lange dauert dann ein Shiatsu-Behandlungs-Zyklus?
„Die Grundregel lautet: Längere Krankheitsgeschichte = längere Behandlungsdauer. Je länger die Krankheit, um so länger der Behandlungs-Zeitraum, umso mehr Behandlungs-Einheiten braucht es. Je akuter, desto schneller die Gesundung. “
Ein Hexenschuss ist also auch rasch wieder ausgehext?
„Ja, da kann eine Behandlung wieder zu einem ausgeglichenen Wohlgefühl führen.“
Mit wem arbeitest Du besonders gern?
„Spontan fällt mir ein: Auf der einen Seite, mit Leuten, die schon lange zu mir kommen und denen es gut geht und dann brauche auch wieder die Herausforderung, ganz von vorne anzufangen und freue mich, wenn neue Klientinnen und Klienten zu mir kommen.“
Mir fällt die fernöstliche Haltung ein, dass man einen Arzt oder eine Ärztin dafür bezahlt, dass man gesund bleibt.
„Ja, das passt zu mir. Ich freue mich, wenn meine Klienten und Klientinnen zu mir kommen, wenn sie gesund sind. Das ist ein Kompliment für mich. Aber genauso, wenn jemand neu zu mir kommt und gerade noch in einer schwierigen oder herausfordernden Lebenssituation steckt.“
Nun ist es in unserer Kultur allerdings so, dass man erst für seine Gesunheit etwas tut, wenn es schmerzt. Mit welchen Symptomen oder in welchen Lebenssituationen kommen Menschen insbesondere zu Dir?
„Bei Verspannungen, Beschwerden im Bewegungsapparat, Schlafstörungen, Verdauungsproblemen, Kopfschmerzen und Migräne, Allergien, Immunitätsschwäche, in privaten oder beruflichen Krisensituationen (Stress, Burn-Out, Depression), Menstruationsbeschwerden, sowie Konzentrationsstörungen bei Kindern (ADHS).“
In welchen Lebenssituationen tut Shiatsu besonders gut ?
„Besonders gerne begleite ich Frauen durch die Schwangerschaft. Gerade diese Zeit zwingt jede Frau zu einem ‚Einkehrschwung’ zu ihrem Körper. Schwangerschaft und Geburt verlangen unserem Frauenkörper ja viel ab, insbesondere die Fähigkeit, dem eigenen Körper wirklich zu vertrauen. Und nach einer Geburt ist es wichtig, wieder zu Kräften zu kommen. Sehr besondere Momente erlebte ich auch bei Shiatsubehandlungen mit einem Eltern, die eine Pflegekindaufnahme oder Adoption schafften. Vorallem dann, wenn ein Elternteil gemeinsam mit dem Kind zur Shiatsubehandlung kam.“